| |
| |
Anne Weihnachtstanne © Gabriele Matzantke „Ach wenn ich doch nur auch so groß und schön gewachsen wäre, wie die anderen“, jammerte die kleine schiefe Tanne vor sich hin. Sie wusste, dass Weihnachten bevor stand. Jetzt würden wieder Leute kommen und sich den schönsten Baum in der Baumschule aussuchen. In den Stuben der Häuser werden diese Tannen dann prächtig geschmückte und stolze Weihnachtsbäume sein. Dass wusste der kleine schiefe Baum von den Erzählungen der Menschen und seiner Baumkollegen. Doch jedes Mal, wenn jemand kam um sich einen Baum für daheim zu schlagen, ging er achtlos an dem windschiefen Exemplar vorbei. Immer trauriger wurde die kleine Tanne und je trauriger sie wurde, desto schiefer wurde sie auch. „Lass dich nicht hängen. Kopf hoch. Du wirst eines Tages auch ein Weihnachtsbaum werden. Für die Tannen, bist Du einfach nur schief, doch für einen Menschen kannst Du dennoch der schönste aller Weihnachtsbäume sein. Vergiss das nie“, rief die hohe schlanke Tanne, die gerade auf den Schultern zweier Männer davon getragen wurde. Die beiden Bäume hatten sich ein wenig angefreundet, denn alle übrigen Tannen waren immer nur garstig zu der kleinen. Auch jetzt spotteten sie: „Du und ein Weihnachtsbaum? Das ist nicht lache“, meinte eine Blaufichte. „Wer will denn schon so ein jämmerliches Ding daheim in der Stube stehen haben? Sieh dich doch nur an“, äußerte eine Fichte hämisch. „Sie haben Recht“, sagte die kleine Tanne traurig zu sich selbst. Die nächsten Tage schneite es mächtig. Die großen Tannen trugen dicke weiße Kronen aus Schnee. Die kleine Tanne, die jedoch dicht gedrängt zwischen den großen stand, bekam kaum etwas von dem Schnee ab. Und das bisschen was sie doch abbekommen hatte, dass fiel zu Boden als Rehe sich dicht an ihr vorbei drängten und ihre Zweige durchschüttelten. Die großen froren und ächzten unter der weißen Last. Die kleine freute sich, dass ihre Zweige nicht so schwer zu tragen hatten. Ein Mädchen kam mit seinem Vater den Weg entlang gestapft. Flink lief es schnurstracks auf die kleine Tanne zu, die kaum größer war, als es selbst. „Den will ich haben“, rief es und zeigte genau auf die vom Schnee verschonte krumme Tanne. „Der ist genau so groß wie ich. Schau nur!“ Es stellte sich neben die Tanne fuhr mit der flachen Hand von seinem Kopf zur Tannenspitze und zurück. Es stimmte tatsächlich. Die beiden waren gleich groß. „Ups. Die meint mich“, erschrak die Tanne und reckte sich so kerzengerade in die Luft, wie sie nur konnte. Der Vater wollte mit seiner Axt einen größeren und schöneren Baum fällen. Das Mädchen aber sprang auf und ab und sagte mit einem Fingerzeig auf die Tanne immer und immer wieder: „Diesen hier will ich. Das ist meine Anne-Weihnachtstanne.“ Es klatschte dabei fröhlich in die Hände und hüpfte auf und ab. Der Vater lachte. „Ich verstehe, kleine Anne. Na wenn der Baum schon deinen Namen hat, dann muss er auch mit uns nach Hause kommen.“ Anne nickte. „Gefällt dir der Name, Anne-Weihnachtstanne?“, frage sie den verdutzten Baum. Und ob ihm dieser Name gefiel. Vor lauter Stolz war er kaum noch schief und fast zwanzig Zentimeter höher geworden als zuvor, so lang hatte er sich gestreckt. Das Fällen tat Anne-Weihnachtstanne gar nicht weh. Es kitzelte nur ein wenig. Auf dem Heimweg war sie die stolzeste Tanne weit und breit und sie freute sich darauf zu Weihnachten festlich geschmückt zu werden. Jetzt waren alle anderen neidisch auf die kleine Tanne, denn sie war die einzige im ganzen Walde, die einen eigenen Namen bekommen hatte. Vielleicht war sie auch die einzige auf der ganzen Welt, man weiß es nicht genau. Auf alle Fälle war sie aber die einzige Anne-Weihnachtstanne.
|
 |
|
|
|
|
|
|